Die Zoopharmakologie und Tier Selbst-Medikamentation

Wildtiere verwenden Pflanzen oder Mineralien, um ihre Gesundheit zu erhalten und Krankheiten wie durch einen Parasitenbefall zu bekämpfen. Dieses Verhalten wird Zoopharmakognosie und Tier-Selbstmedikamentation genannt.

In diesem Blog geht es um die folgenden Themen:

Erklärung des Begriffes und die Geschichte der Zoopharmakologie

Der Begriff Zoopharmakognosie wurde erst 1987 als eine wissenschaftliche Ausrichtung bekannt, jedoch kann das Verhalten der Selbst-Medikamentation von Wildtieren bis mindestens auf die Zeit der alten Griechen zurückgeführt werden. 

In dem Menschen Tiere beobachtet haben, wie sie organische oder anorganische Substanzen in ihrer Umgebung zu bestimmten Zeiten und Gesundheitszuständen einnahmen, konnten sie mögliche Pflanzen erkennen, welche bei uns Menschen ähnlich wirken und helfen könnten. Vielfach kommt das Wissen von unseren Vorfahren von dem beobachten ihrer Umgebung und der Tierwelt.

Was bedeutet "Zoopharmakologie"?

Zoo =  Tier/ Lebewesen; pharmako =  Heilmittel, Gift; logie = für Lehre, Wissenschaft

Die Zoopharmakologie ist direkt übersetzt die Heilmittellehre bei Wildtieren oder eben, die Tier Selbst-Medikamentation.

Die angewandte Zoopharmakologie ist die Heilmittellehre von domestizierten Tieren, inbegriffen Zootiere, Nutztiere und Heimtiere.

Hinweis: Wir sind nicht in einem Arzneimittelgesetzt unterwegs und machen keine Heilmittelversprechungen - dies ist einfach die wörtliche Übersetztung.

Was machen Forscher, welche die Zoopharmakologie studieren?

Forscher dokumentieren, was Tiere in der freien Wildbahn unternehmen, um gesund zu bleiben (prophylaktisch) oder um wieder gesund zu werden.

„Nach Ansicht von Huffmann und Vitazkova ist das Studium der Selbst-Medikamentation dem Verständnis gewidmet, wie Tiere auf eine potenzielle Bedrohung ihrer Gesundheit und reproduktiven Fortpflanzungsfähigkeit reagieren und wie diese Verhaltensweisen innerhalb einer Population aufrechterhalten werden. 

Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass die wissenschaftliche Untersuchung der Selbst-Medikamentation von Tieren nicht auf der Annahme beruht, dass Tiere eine angeborene „Weisheit“ besitzen, durch die sie fehlerfrei wissen, was gut für sie ist. Vielmehr handelt es sich bei den Selbst-Medikamentations-Strategien um Überlebensfähigkeiten, die durch natürliche Selektion geschärft wurde.“ Übersetztes Zitat von (Costa-Neto)

Das schwierige ist, Tiere zu beobachten und immer sagen zu können, ob das Tier dies isst wegen dem Energie-Aspekt oder dem Gesunderhaltungs-Aspekt. In der Paxis ist es so, das sich vieles überschneidet. Was ist Medizin und was ist Nahrung?

Zitiert ein Beispiel aus dem Buch von Cindy Engel (nebenbei: jeder, welcher sich mehr mit der Zoopharmakognosie beschäftigen möchte, empfehle ich dieses Buch!):

Die Huftierherden in den Ebenen der Serengeti in Tansania verteilen sich entsprechend den Mineralien im Boden und in den Pflanzen. Wenn Gnus kalbern, wandern sie von den üppigen Weiden im Norden in die südlichen Ebenen. Dort grasen sie im Schatten von Vulkanen, wo das Gras auf schwefelhaltigem Boden wächst und daher reich an Kalzium und Phosphor ist, Mineralien, die während der Säugezeit von essentieller Bedeutung sind.

Neben genügend Energie-Aufnahme müssen die Tiere (wie auch wir Menschen) genügend Mineralien zu uns nehmen. Dies finden sie in Pflanzen, Böden oder in anderen Tieren (z.B. Knochen). Und weiter aus dem Buch:

Es ist offensichtlich, dass die alltäglichen Ernährungsgewohnheiten – zur richtigen Zeit für die gegebenen Bedingungen das richtige Futter zu wählen – untrennbar mit der Gesunderhaltung verbunden ist.“ zitiert aus Wild Health von Cindy Engel

Wie wird das Tier reagieren, wenn es erkrankt? Momentan wird die Reaktion zu einer Krankheit in fünf Level aufgeteilt: 

  1. Krankes Verhalten (Lethargie, Depression, Anorexia, Verringerte Körperpflege, Verhaltensfieber, Sonnenbaden Verhalten)
  2. Verhaltensvermeidung oder Verringerung der Möglichkeit einer Krankheitsübertragung (durch Vermeidung von Kot kontaminiertem Essen, Wasser oder Substraten)
  3. Auswahl von Nahrungsmittel mit präventiver oder gesundheitserhaltender Wirkung (Essen, die routinemäßig in kleinen Mengen oder in begrenztem Umfang verzehrt werden)
  4. Die Einnahme einer Substanz zur Heilung einer Krankheit oder von deren Symptomen (Verwendung von toxischen oder biologisch aktiven Stoffen in geringer Häufigkeit oder in kleinen Mengen, die kaum einen Nährwert haben)
  5. Anwendung einer Substanz auf den Körper oder einen Lebensraum zur Behandlung oder Kontrolle von Vektoren oder äusserlichen Gesundheitszuständen 

Die Selbst-Medikamentation beinhaltet dabei die Level drei und Vier. Wobei das Verhalten der Selbstmedikamentation häufig unbemerkt bleibt. Wenn ein Tier Pflanzen isst, die sonst auch in seiner Diät entspricht – aber vielleicht zu einem anderen Prozentsatz – dann wird dies nicht weiter auffallen. Auch muss nicht jeder Versuch von Selbstmedikamentation gelingen.

Was Fitness und Gesundheit in der Tierwelt bedeutet

Wenn ein Tier erkrankt, nehmen wir an durch einen Parasitenbefall, so wird dies dazu führen, dass ein Tier nicht mehr sein volles Energiepotential hat. Was bedeutet das in der Wildnis?

  • Du kannst sterben. Wenn du Krank bist, kannst du von der Herde oder vom Rudel ausgeschlossen werden. Wenn du nicht mehr schnell genug bist, kannst du gefressen werden.
  • Du kannst dich nicht mehr Fortpflanzen. Studien haben ergeben, das Weibchen (bei Säugetieren und Vögel beobachtet) parasiten-freien, gesunde Männchen zur Paarung bevorzugen. In der Biologie wird von der „Fitness“ gesprochen.
    Falls du dich wunderst, wie das geht: Tiere geben über ihren Geruch allerlei Information preis, welcher wiederum über den Geruchssinn des anderen quasi gelesen wird. Dies trifft auch auf den Gesundheitsstatus zu.

Es macht also Sinn, wenn ein Tier über Mechanismen verfügt, welche er dazu nutzten kann, sich selber zu helfen. 

Beispiel der Zoopharmakognosie vom Verhalten zur Substanz

Sehr gut untersucht und dokumentiert ist das Verhalten der Tier-Selbstmedikamentation von Affen. Aber bei vielen Tieren wie Bären, Elefanten, Tiger, Leoparden, Vögel, ist das Verhalten der Zoopharmakognosie beobachtet worden. 

Verhalten: Bitter Pith Chewing und das Verhalten von gesamten Blättern hinunterschlucken (Whole Leaf Swallowing») bei Schimpansen, Bonobos oder Gorillas

Wann: Bei Darmparasiten wie Wurmbefall

Nachdem die Tiere beobachten wurden, wie sie zum Beispiel die Bitter Pith Chewing durchgeführt haben, wurden die Pflanzen untersucht. Hier eine Tabelle, die zeigt, welche Inhaltstoffe die Tiere zu sich nehmen in diesem Moment:

Beim Bitter Pith Chewing werden besonders Pflanzen v.a. der Spezies Vernonia sp. ausgesucht. Diese enthalten u.a. Steroidglykoside (Vernonioside), freie Aglykone von diesem Glyksoid (Vernonid) und Sesquitperenlaktone (Vernadoline, Vernolide hydroxyvernolide, Vernodalol). 

Vernadoline ist eine hoch toxische Substanz, besonders in den Rinden und Blätter der Vernonia sp., im «pith», der Markröhre in unsignifikanten Mengen vorhanden. Hierbei ist zu sagen, das die Schimpasen & co. immer nur den pith verwenden, nie die Blätter oder die Rinden. Wie der Name „Bitter Pith Chewing“ schon sagt ist das ganze sehr bitter, die Mengen eingenomment sind Nähwertmässig unbedeutend. Die Schimpansen nehmen auch jeweils nur eine Dosis, dann mindestens einen Tag zu einer Woche nicht mehr. Obwohl die Pflanze das ganze Jahr zugänglich wäre, äussern sie dieses Verhalten besonders in der Regenzeit, ebenfalls die Zeit von den Wurminfektionen.

In vitro Test von Vernonioside und Vernodaline zeigten signifikante Inhibition von Bewegung von allen Erwachsenen Stadien Parasiten und von Erwachsenen weiblichen Eier-lege Kapazitäten.

Bild von Wang et al, 2018

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Quellen:

Buch Caroline Ingraham, Animal Self-medication – How animals heal themselves using essential oils, herbs and minerals, Ingraham Trading; 2nd edition 2018 

Buch Wild Health – Gesundheit aus der Wildnis, Cindy Engel, Animal Learn Verlag, 3. Auflage 2016

Zoopharmacognosy (Plant Animal Interaction); Shankar Shukla et al; Evidence based validation of traditional medicine; India; 2021

Review, Zoopharmacology: A way to discover new cancer treatments; Dominguez-Martin et al.; biomolecules, 2020

The origins of zoopharmagonosy: how humans learned about self-medication from animals; Alvaro et al; International Journal of Applied Research; Spain; 2019

The evolution of self-medication behaviour in mammals, Lucia c et al.; Biological Journal oft he Linnean Society, 2019

Bioaktive sekundäre Pflanzenstoffe und ihre Wirkung in Pflanzen und Menschen; Diplomarbeit von Lisa Abraham; Karl-Franzens-Universität Graz, 2019

Self-medication in chimpanzees (pan troglodytes) or why ethnobotanists should include great apes into their studies; 2018; CAS in Ethnobotany and Ethnomedicine, University of Zürich, Myriam Jager-Honegger

Steroidal Saponins from Vernonia amygdalina Del. and Their Biological Activity; Wang et al; Molecules; 2018

Primates Self-medication, passive prevention and active treatment – a brief review; Michael Huffman, International Journal of Multidisciplinary Studies, 2016

A Review on Zoopharmacognosy; M.Ansari et al; International Journal of pharmaceutical and chemical sciences; Departement of Pharmaceutics, India, 2013 

Zoopharmacognosy, the self-medication behavior of animals, Eraldo Medeuros Costa-Neto; Interfaces Cientificas, 2012

Zoopharmacognosy, Self-medication in wild animals; r. Raman, S. Kandula, Resonance, University Madurai, India 2008

Self-medication and homeostatic behaviour in herbivores: learning about the benefits of nature`s pharmacy; J. Villalba, F. Provenza, Animal, 2007

Duden, Das Wörterbuch medizinischer Fachausdrücke, 6. Auflage, Dudenverlag

Heilpflanzen Praxis Heute, Band 1 Arzneipflanzenportraits, Siegfried Bäumler, Elsevier, 2. Auflage

https://www.ipb-halle.de/oeffentlichkeit/forschung-leicht-erklaert/

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